Ich habe gehört, dass sich Menschen über mich lustig machen. Dass sie es peinlich finden, wie ich mich auf Instagram präsentiere. Oder wie ich mich – wie sagt man so schön – „darstelle“. Nach zwei Reels und einer handvoll Stories.
Das Wort ist interessant. Darstellen. Als würde ich eine Rolle spielen. Als würde ich plötzlich jemand sein, die ich vorher nicht war.
Ich wäre gern so souverän zu sagen, dass mich das kalt lässt. Aber das stimmt nicht. Im ersten Moment hat es mich echt getroffen. Es hat mich sogar gedemütigt. Vor allem, weil es von Menschen kam, von denen ich dachte, sie würden mich kennen. Menschen, die mir nahe stehen. Und dann kam dieser Satz: „Du bist doch sonst immer diejenige, die für Authentizität steht.“ Doppelt autsch. Nicht, weil ich mich ertappt fühlte, sondern weil mir in diesem Moment klar wurde, dass diese Person mich offenbar weniger kennt, als ich gedacht hatte. Denn das, was ich gerade beginne zu zeigen, bin ich. Vielleicht nicht die Version von mir, die andere gewohnt sind. Aber trotzdem ich.
Authentisch sein heißt nicht, gleich zu bleiben
Und genau hier beginnt für mich die Frage nach Authentizität.
Authentizität bedeutet nämlich nicht, immer gleich zu bleiben. Sie bedeutet nicht, sich nie zu verändern, nie neue Seiten zu zeigen oder plötzlich Dinge auszusprechen, die man vorher für sich behalten hat. Authentizität bedeutet auch nicht, dass andere Menschen sich daran gewöhnen müssen, dass man klein bleibt.
Für mich bedeutet Authentizität etwas anderes: Dass das, was ich zeige, mit dem übereinstimmt, was ich denke, fühle und erlebe. Dass ich nicht so tue, als hätte ich keine Meinung, obwohl ich eine habe. Dass ich mich nicht kleiner mache, nur damit sich andere wohler fühlen. Dass ich nicht so tue, als wäre ich unsicherer, als ich bin – oder sicherer, als ich mich gerade fühle.
Authentisch zu sein heißt nicht, perfekt zu sein. Es heißt, ehrlich zu sein.
Und ehrlich zu sein kann manchmal bedeuten, dass man sich Schritt für Schritt traut, mehr von sich zu zeigen, sich auszuprobieren. Ein paar Menschen reagieren daher offenbar gerade mit einer Mischung aus Überraschung und Skepsis. Dieses leicht spöttische: „Ah, du hast jetzt plötzlich eine Meinung.“ Als wäre sie über Nacht entstanden. Dabei hatte ich meine Meinung schon immer. Und auch Erfahrungen und Wissen, über die ich heute schreibe oder spreche. Der Unterschied ist nur: Früher habe ich mich damit selten gezeigt. Nicht, weil ich nichts zu sagen gehabt hätte, sondern weil es viel Mut erfordert, sichtbar zu werden. Und den hatte ich lange Zeit nicht.
Sichtbar werden ist kein Marketingprojekt
Ich weiß, dass dieses Wort mittlerweile inflationär benutzt wird. Sichtbarkeit hier, Sichtbarkeit da. Als wäre es ein reines Marketinginstrument. Für mich hat es mit Social Media nur am Rande zu tun. Sichtbar werden bedeutet für mich etwas anderes. Es bedeutet, im eigenen Leben wirklich Platz einzunehmen. Den Raum, den man ohnehin hat, nicht mehr klein zu halten. Sich selbst zuzugestehen, dass man da ist, dass man denkt, dass man etwas beitragen kann. Viele Menschen springen irgendwann scheinbar mühelos über ihren Schatten. Für andere ist das ein Prozess. Langsam. Manchmal über Jahre. Man tastet sich heran, zeigt hier ein Stück mehr, dort ein Stück weniger; probiert aus, zieht sich wieder zurück und geht dann einen Schritt weiter.
Mit meinem Kunst-Account war es genau so. Lange wusste niemand davon. Ich habe das für mich gemacht. Nicht für Likes, nicht für Aufmerksamkeit, sondern als kleine Übung in Mut. Um mich selbst aus meiner Komfortzone zu holen. Um mir zu zeigen, dass es in Ordnung ist, dass ich da bin und dass meine Perspektive, meine Gedanken, meine Arbeit Platz haben dürfen. Viele Menschen fanden das toll. Das hat mich ehrlich gefreut. Andere nicht und das ist auch ok so.
Jetzt passiert etwas Ähnliches im beruflichen Kontext. Ich beginne, mich auch dort sichtbarer zu zeigen. Nicht, weil ich plötzlich beschlossen habe, „Content“ zu machen, sondern weil es sich schlicht falsch anfühlt, weiterhin so zu tun, als hätte ich nichts zu sagen. Ich bin mehr und mehr bereit dazu, mich zu zeigen. Und natürlich kommt damit auch Gegenwind.
Man sagt ja immer so schön: Support ist kein Mord
Ich muss zugeben, viele solcher Floskeln nerven mich, aber in diesem Fall steckt tatsächlich etwas Wahres darin. Was kostet es jemanden, einfach zu sagen: „Cool, dass du das machst“? Was kostet es, jemanden zu feiern, der seinen Weg geht, Dinge ausprobiert, mutig ist und sich traut, sichtbar zu werden?
Es kostet nichts.
Es muss kein Follow sein, kein Like und kein Kommentar. Wenn man nichts dazu sagen will, ist das völlig in Ordnung. Man kann auch einfach weiter scrollen, weitergehen, sein eigenes Ding machen. Aber wenn man nichts weiter zu tun hat, als hinter vorgehaltener Hand über andere zu spotten, dann sagt das am Ende mehr über einen selbst aus als über die Person, über die man lacht.
Ich kenne das aus unserem Geschäft in Hannover auch. Man lernt Menschen wirklich kennen, wenn es um Unterstützung geht. Wer gönnt dir etwas? Wer freut sich ehrlich? Wer sagt nichts und wer redet plötzlich sehr viel. Und wer ist plötzlich schon immer dein Fan gewesen, wenn sich der Erfolg einstellt? Es ist schade, wenn Menschen hinter vorgehaltener Hand spotten.
Zweifeln ist menschlich
Aber vielleicht ist das auch ein kleiner Reminder für etwas, das man leicht vergisst: Viele bauen sich etwas auf, während sie gleichzeitig zweifeln.
Auch ich.
Ich leite Projekte, organisiere Dinge und treffe Entscheidungen. In meinem beruflichen Alltag übernehme ich viel Verantwortung. Von außen wirkt das oft souverän, klar und entschieden. Und trotzdem gibt es Zweifel. Unsicherheiten. Fragen. Früher dachte ich wirklich, das wäre ein Problem. Schließlich werde ich dafür bezahlt, „alles im Griff zu haben“, „zu wissen“, „sicher zu sein“, „zu entscheiden“. Das ist mitunter ein enormer Druck.
Heute glaube ich, dass es ein Geschenk ist. Denn Zweifel machen etwas mit einem. Sie erden. Sie erinnern einen daran, dass man nicht über allem steht, dass man Dinge nicht immer sofort weiß und dass Entscheidungen manchmal schwerer sind, als sie von außen aussehen. Es ist nicht schlimm, zu zweifeln oder manchmal eben „nicht zu wissen“, es ist nur schlimm, wenn man es nicht kommunizieren kann; wenn dieser Raum nicht da sein darf.
Zweifel lehren Demut
Mein Vater sagt oft, vielen Menschen fehle eine gewisse Demut. Früher klang das für mich nach einem altmodischen Wort. Heute verstehe ich besser, was er meint. Demut bedeutet nicht, sich klein zu machen. Sie bedeutet, sich selbst nicht für den Mittelpunkt der Welt zu halten. Sie bedeutet zu wissen, dass jeder Mensch irgendwo kämpft. Dass hinter vielen Entscheidungen ein innerer Prozess steckt, den man von außen nicht sieht.
Vielleicht ist das der eigentliche Wert von Zweifeln. Sie machen uns vorsichtiger im Urteil und großzügiger im Blick auf andere. Oder einfacher gesagt: Sie lehren uns ein Stück Empathie. Denn wenn man selbst weiß, wie viel Überwindung manche Schritte kosten können, fällt es (hoffentlich) schwer, über andere zu lachen, die genau diesen Schritt gerade gehen.
Mut trägt nicht immer Signalfarbe. Und manchmal sieht er von außen unspektakulär aus, aber das macht ihn nicht weniger mutig.
Ich persönlich feiere jeden Menschen, der den Mut hat, sich der Welt zu zeigen. Egal ob mit Kunst, Gedanken, Ideen oder Projekten. Ich finde das großartig. Nicht, weil ich denke, dass alles gut ist, was jemand zeigt oder weil ich alles für geschmackvoll halte, sondern weil ich weiß, was es manchmal kostet, diesen Schritt überhaupt zu gehen. Und weil ich glaube, dass wir alle mehr davon brauchen. Mehr Mut. Mehr Raum. Mehr Menschen, die sagen:
Mach dein Ding. Es gibt genug Platz. Wirklich.



