Warum ich das schreibe
Ich habe es lange nicht wahrhaben wollen. Und wenn ich ehrlich bin, war ich sogar stolz darauf. Aufs Durchziehen. Aufs Funktionieren. Auf dieses stille „Ich mach das schon“. Ich bin ein typischer Millennial. Karriere-Millennial. Arbeiten ist Leben. Und wenn ich nicht arbeite, dann weiß ich oft nicht so genau, was ich eigentlich tun soll. Oder was Leben jenseits von Arbeiten ist.
Ich schreibe das nicht aus sicherer Distanz. Ich bin Teil dieser Generation. Ich bin Millennial. Und gleichzeitig bin ich selbstständig, arbeite projektbasiert in und mit Teams, übernehme Verantwortung, begleite Prozesse, analysiere Strukturen. Ich stehe damit genau an der Schnittstelle des Systems und oft einen Schritt daneben. Ich erlebe die Dynamiken nicht theoretisch, sondern mitten in der Umsetzung. Ich sehe, was passiert, wenn Verantwortung unklar bleibt. Wenn sie weitergereicht wird. Wenn Projekte stocken, nicht weil Menschen faul wären, sondern weil niemand wirklich eine Richtung vorgibt. Vielleicht ist genau das meine Perspektive: nicht (nur) Beobachterin von außen, sondern jemand, die Verantwortung übernimmt und dabei merkt, wo sie fehlt und genau dort wird dieses Generationenthema für mich extrem sichtbar.
Ich funktioniere, also bin ich
Wir sind aufgewachsen mit großen Versprechen und noch größeren Zumutungen. Globalisierung. Dauerkrise. Selbstverwirklichung. Digitalisierung als Chance und gleichzeitig als Dauerbedrohung. Wir werden ständig mit Problemen konfrontiert, für die uns niemand beigebracht hat, wie man sie eigentlich löst. Also finden wir eine Lösung. Irgendwie.
Aus Überforderung wird Kompetenz. Aus Angst Effizienz. Aus Unsicherheit Anpassungsfähigkeit.
Das macht uns zu ziemlich guten Maschinen. Wenn auch nicht so glatt wie ChatGPT oder Claude, denn dafür sind wir zu menschlich, zu emotional und zu erschöpft. Welch Frechheit.
Ich sehe das nicht nur bei mir. Ich sehe es in Projekten, Meetings und in Entscheidungsrunden. Millennials sind oft die, die schon drei Schritte weiterdenken, während das aktuelle Thema noch diskutiert wird. Die Verantwortung übernehmen, bevor sie offiziell geklärt ist (oder sich offiziell weggeduckt wurde). Die Dinge zusammenhalten, während andere noch erklären, warum etwas schwierig ist. Vielleicht, weil wir genau dazwischen stehen: zwischen Boomern und Gen X, die oft müde vom Bauen sind, und einer Gen Z, der man Faulheit vorwirft, obwohl sie vielleicht einfach früher Grenzen zieht. Wir Millennials sind die Brücke. Wir halten die Säulen. Die einen fordern und schreien und delegieren. Die anderen zweifeln, verweigern oder ziehen sich zurück. Und wir stehen dazwischen und denken: „Na gut, dann halt ich das auch noch.“
Verfügbarkeit ist keine Tugend
Ich bin oft schon beim nächsten Projekt, bei der nächsten Entscheidung, beim nächsten To-do, während das aktuelle noch läuft. Ich funktioniere hervorragend und merke manchmal erst später, dass ich dabei das Leben überhole. Oder überholt es mich? Wenn ich versuche, langsamer zu werden, passiert etwas Interessantes. Von der Selbstverständlichkeit meiner Dauerverfügbarkeit ausgehend heißt es dann:
Warum bist du nicht verfügbar?
Entschuldigung bitte?! Was ist das eigentlich für ein Narrativ, dass Erholung gleich Verdacht ist und Nicht-Produktivität zur Charakterfrage wird (und btw: wer hat eigentlich gesagt, dass ich mich entspannt habe)? Wir Millennials haben gelernt, alles zu können – oder zu müssen –, außer auszuhalten, dass wir nicht immer leisten. Wenn etwas nicht funktioniert, liegt es an dir. Also optimieren wir uns. Noch ein Tool. Noch ein Plan. Noch ein Ziel.
Arbeit als Halt und als Flucht
Arbeiten ist für viele von uns kein Job. Es ist Struktur, Selbstwert, Orientierung. Manchmal auch Flucht. Denn wer arbeitet, muss sich nicht fragen, was er eigentlich fühlt, oder was fehlt, oder was das alles eigentlich soll. Das Perfide daran ist: Die meisten von uns sind gut darin. Zu gut. Und genau deshalb ist der Ausstieg aus diesem Modus so schwer. Nicht, weil wir nicht merken, dass etwas schiefläuft, sondern weil wir Angst haben, ohne dieses Rad nicht mehr zu wissen, wer wir sind. Ich dachte lange, die Selbstständigkeit wäre der Ausbruch. Mehr Freiheit, mehr Gestaltung, endlich selbst bestimmen, wie ein Tag aussieht.
Spoiler: Ich werde gerade gestaltet.
Und ja, das ist logisch am Anfang. Existenz aufbauen, sichtbar werden, Entscheidungen treffen, Projekte annehmen…und noch mehr Projekte annehmen. Aber es fühlt sich oft an wie dasselbe Gericht auf anderem Geschirr. Mehr Freiheit auf dem Papier, dieselben inneren Regeln im Kopf. Der innere Druck ist kein neues Phänomen. Er ist erlernt. Millennial-Habit. Built-in pressure. Und genau hier hört das Persönliche auf und das Strukturelle beginnt. Denn dieser innere Druck entsteht nicht im luftleeren Raum. Er ist nicht einfach ein individuelles Mindset-Problem. Er ist die logische Folge eines Systems, in dem Verantwortung diffus oder gar nicht geklärt ist, Entscheidungen vermieden werden und diejenigen, die Dinge am Laufen halten, selten diejenigen sind, die sie wirklich steuern dürfen.
Verantwortung delegieren, Macht behalten, Schuld verteilen
Was mich wirklich wütend macht – und das sage ich bewusst so –, ist, wie Verantwortung verteilt wird. Oder besser gesagt, wie sie weitergereicht wird. Ich erlebe das ständig in Projekten. Verantwortung wird formal „ins Team gegeben“, aber Entscheidungen bleiben unklar. Aufgaben werden delegiert, ohne Kontext, ohne Richtung, ohne Entscheidungsspielraum, ohne Rückendeckung. Und am Ende soll jemand liefern, der sich alles selbst erarbeiten muss – inklusive der Verantwortung, die eigentlich höher angesiedelt wäre. Das Bittere ist: Sobald wir anfangen, Verantwortung wirklich zu denken – also Strukturen zu hinterfragen, Entscheidungswege zu klären, Dinge anders aufzusetzen – wird es unbequem. Dann sind die Vorschläge zu radikal, zu naiv, zu unbequem. Gott bewahre, das können wir so doch nicht machen! Plötzlich sind wir wieder „nur Millennials“. Zu jung, zu emotional, zu idealistisch. Verantwortung gefälligst tragen, aber bitte ohne Entscheidungsmacht. Ohne Rückhalt. Und am schlimmsten: ohne Vertrauen. Und somit bye bye zur Möglichkeit, wirklich etwas zu verändern.
Mikromanagement oder auch: Let’s get unproductive
Und genau an diesem Punkt entsteht das nächste Problem. Denn wenn Verantwortung formal abgegeben wird, aber niemand sie wirklich trägt (oder ausfüllen darf), entsteht ein Vakuum. Und dieses Vakuum wird nicht leer gelassen, es wird gefüllt. Nicht mit Klarheit, sondern mit Kontrolle.
Wenn niemand Entscheidungen absichert, wird kontrolliert. Wenn niemand Fehler aushält, wird zwanghaft nachjustiert. Wenn niemand Verantwortung übernimmt, wird alles kleinteilig überwacht.
Et voilá – geboren sei das Mikromanagement. Ein Symptom der Verantwortungslosigkeit auf falscher Ebene. Ein Symptom, das Organisationen schleichend, aber zuverlässig ermüdet. Ja, nicht nur uns Millennials.
Success: Leistung gefordert, Verantwortung vermieden
Und dann wird politisch ernsthaft darüber diskutiert, ob wir nicht noch mehr leisten müssten. Produktiver werden. Belastbarer. Zehn Prozent vielleicht. Absolute Mehrarbeit als vermeintlicher Wachstumsmotor. Dabei gibt es keinen klaren empirischen Beleg dafür, dass zusätzliche Arbeitstage die Wirtschaftsleistung nachhaltig verbessern, geschweige denn, dass längere Arbeitszeiten mehr wirtschaftliche Leistung erzeugen. Im Gegenteil: Überlange Arbeitszeiten korrelieren mit Stress, Erschöpfung und Produktivitätsverlust. Wir haben kein Leistungsproblem. Wir haben ein Gestaltungsproblem. Und genau hier kippt die Debatte endgültig. Denn wenn Gestaltung ausbleibt und Verantwortung nicht übernommen wird, bleibt nur noch ein Hebel: mehr Leistung fordern, mehr Einsatz und endlich wieder mehr Belastbarkeit. Und damit diese Forderung nicht hinterfragt wird, braucht es ein Feindbild. Einen Schuldigen. Einen Begriff, der alles erklärt. Und an dieser Stelle wird zuverlässig ein Schlagwort aus der Mottenkiste geholt: Work-Life-Balance.
Work-Life-Balance war gestern: kommt bitte endlich an
Ja. An dieser Stelle müssen wir über Work-Life-Balance sprechen. Oder besser gesagt darüber, warum diese Debatte eigentlich längst vorbei ist, auch wenn sich vor allem eine Generation immer noch so verhält, als wäre sie der Untergang der Arbeitsmoral. Work-Life-Balance war ein Übergangsbegriff. Eine notwendige Gegenbewegung zu einer Zeit, in der Arbeit alles war und Leben maximal Störung. Aber ganz ehrlich, wer fordert heute denn ernsthaft „weniger arbeiten, mehr chillen“. Das ist ein Strohmann. Was stattdessen passiert ist, wird erstaunlich konsequent ignoriert. Es geht längst nicht mehr um Balance. Es geht um Integration. Um Verantwortung für das Ganze. Um Arbeitsmodelle, die Menschen nicht ausbrennen, sondern tragfähig machen. Während Millennials und Gen Z über Sinn, Wirksamkeit, mentale Gesundheit, Energiezyklen, Fokus und Nachhaltigkeit sprechen, wird Work-Life-Balance immer noch wie ein Kampfbegriff behandelt. Als wollten wir uns vor Arbeit drücken. Als wäre Ausgeglichenheit gleich Leistungsverweigerung gleich fehlende Belastbarkeit.
Get the f*** over it.
Work-Life-Balance ist nicht das Ziel. Sie war Symptomlinderung einer kranken Arbeitskultur. Was an ihre Stelle getreten ist, ist etwas Anspruchsvolleres; nämlich die Frage, wie Arbeit so gestaltet sein muss, dass Menschen langfristig leistungsfähig bleiben, Verantwortung übernehmen können und nicht permanent gegen sich selbst arbeiten. Das ist keine Komfortforderung, sondern eine Effizienzfrage. UND eine gesellschaftliche. Eine Gesellschaft, die ihre produktivsten Generationen übertrainiert, permanent verfügbar hält und dann überrascht ist, wenn Burnout, Zynismus und innere Kündigung zunehmen, hat kein Leistungsproblem. Nochmal: Sie hat ein Gestaltungsproblem.
Mehr Leistung ist die Ausrede, denn Verantwortung wäre Arbeit.
Nicht mehr oder weniger Arbeit macht uns gesünder, sondern bessere Arbeit. Klarere Verantwortung. Echte Entscheidungen. Strukturen, die Menschen ernst nehmen, statt sie zu verschleißen. Wer Work-Life-Balance heute noch bashen muss, hat den Punkt verpasst. Die eigentliche Frage ist längst eine andere:
Wie organisieren wir Arbeit so, dass sie Leben ermöglicht, statt es dauerhaft zu verdrängen?
Wir brauchen mehr Verantwortungsübernahme. Denn Verantwortung ist effizienter als Dauerleistung. Wenn Verantwortung klar getragen wird, werden
- Entscheidungen schneller.
- Fehler früher erkannt.
- Ressourcen sinnvoller eingesetzt.
- Menschen entlastet statt verbrannt.
Verantwortung heißt: Das ist meine Entscheidung. Und auch: Das war mein Fehler. Verantwortung heißt, Rahmen zu setzen, statt Aufgaben weiterzuschieben. Zu klären, was leistbar ist und was nicht. Politisch hieße das: Weniger Durchhalteparolen, mehr klare Zuständigkeiten, weniger Belastung nach unten, mehr Entscheidungsmut nach oben, weniger Symbolik, mehr Konsequenz. Das wäre nicht weich, sondern wirksam.
Frage für eine Freundin: Darf man sich was anderes wünschen
Ich merke, wie selten ich mir die Zeit nehme, wirklich darüber nachzudenken, was ich im Leben eigentlich will – außer Arbeit (und ja, ich bin mir des Wohlstands bewusst, dass ich mir die Frage überhaupt stellen dürfte). Familie? Reisen? Ruhe? Ich habe jahrelang keinen Urlaub gemacht, ohne zu arbeiten. Ja, meine Entscheidung. Meine Verantwortung. Und trotzdem frage ich mich: Warum fühlt es sich falsch an, sich etwas anderes zu wünschen? Warum wird dieser Wunsch so schnell abgebügelt mit „So ist das halt“ oder „Beschwer dich nicht, das ist Jammern auf hohem Niveau“?
Vielleicht ist genau das der Kern dieses Teufelskreises.
Das hier ist keine Abrechnung mit Leistung. Und kein romantischer Ausstieg aus Verantwortung. Es ist eine nüchterne Realisierung dessen, was eigentlich läuft. Und ein leises, aber klares Bedürfnis nach mehr. Mehr als funktionieren. Mehr als nur gut durchkommen. Dieses gesellschaftlich aufgezwungene innere Leistungsgefängnis, das mir einredet, dass mein Wert direkt an meine Produktivität gekoppelt ist – das will ich nicht mehr. Ich arbeite gern. Ich trage Verantwortung gern. Aber ich habe genug von einer Haltung, die Verantwortung mit Selbstausbeutung verwechselt und Leistung zum moralischen Maßstab erhebt. Das macht mich müde. Vielleicht ist das widersprüchlich, unaufgeräumt und konfus. Aber ganz ehrlich, dann kann ich mich als 91erin ja zurücklehnen und sagen: Das ist nur mein Millennial-Gefühl…Keine Wahrheit und kein Dogma. Eine Beobachtung aus der Mitte einer Generation, die oft die Brücke ist und selten der Ort, an dem entschieden wird.
Das ist kein Rant
Und bevor das hier als Klage missverstanden wird, will ich etwas sehr klar sagen: Ich beschwere mich nicht über meine eigenen Entscheidungen. Ich sehe mich nicht als Opfer meiner Erziehung, meiner Generation oder gesellschaftlicher Umstände. Ich habe entschieden, viel zu arbeiten. Ich habe entschieden, Verantwortung zu tragen. Und ich entscheide auch, das weiterhin zu tun. Genau deshalb schreibe ich das.
Verantwortung zu übernehmen heißt für mich nicht, alles still auszuhalten. Verantwortung heißt, hinzuschauen, Muster zu benennen und das eigene Denken zu hinterfragen – auch wenn es unbequem ist. Ich übernehme die Verantwortung für meine Entscheidungen. Und genau darin liegt für mich der erste Schritt aus diesem Leistungsgefängnis: nicht im Wegducken, nicht im Beschweren, sondern im bewussten Entscheiden, was ich mittrage und was nicht mehr. Deshalb ist das hier keine Opferinszenierung, sondern eine Standortbestimmung.
Ich wollte immer alles richtig machen. Jetzt fange ich langsam an zu begreifen, dass Leben mehr ist als richtig funktionieren.
Nachbemerkung: Dieser Text ist eine Kolumne. Er erhebt keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit, sondern beschreibt meine Perspektive. Eine Millennial-Perspektive auf Arbeit, Verantwortung und Erschöpfung, entstanden aus eigener Praxis, Projektarbeit und Beobachtung. Widerspruch ist Teil der Debatte. Gleichgültigkeit wäre das größere Problem. Verantwortung für die eigenen Entscheidungen zu übernehmen, schließt nicht aus, Strukturen zu hinterfragen.



